Drohnen für den humanitären Einsatz

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Drohnen für den humanitären Einsatz

Vom Spielzeug zum Lebensretter

Wer kommt, wenn Hilfe benötigt wird ? In der Regel Feuerwehren, Polizisten oder Sanitäter. Doch was ist, wenn diese Helfer keinen Weg finden, um Menschen nach Erdbeben, Überflutungen oder in anderen lebensbedrohlichen Situationen zu erreichen ? In den nächsten Jahren könnten dann vermehrt Drohnen für die humanitäre Hilfe zum Einsatz kommen. Die technologische Entwicklung der Flugkörper gibt Hoffnung, dass in Krisengebieten damit bald eine neue Hilfsmöglichkeit besteht. So wurde unlängst im afrikanischen Malawi der erste Drohnenkorridor eröffnet. Ebenso gab es erfolgreiche Einsätze in verschiedenen Katastrophengebieten, zum Beispiel nach dem verheerenden Taifun „Haiyan“ auf den Philippinen. Und selbst in Europa sind Drohnen bereits als Retter im Einsatz.

Wie eine gute Idee Drohnen zum Rettungshelfer auf den Philippinen machte

Im Bereich der Privatnutzung sind vor allem Kameradrohnen bekannt, die für Videoaufnahmen genutzt werden. Die Geräte sind vergleichsweise einfach zu bedienen, sehr variabel im Flug und mit viel Technik auf engem Raum ausgestattet, so zum Beispiel mit einer hochauflösenden Optik. Entsprechend detailliert sind die präzisen Luftaufnahmen, auf denen Straßen, Autos und sogar Menschen deutlich zu erkennen sind. Insofern sind sie prädestiniert für die Suche nach Opfern und die Kartographie in Katastrophengebieten. Die Idee, Videodrohnen nicht nur für das digitale Urlaubsalbum, sondern für Hilfszwecke zu nutzen, lag daher nicht fern. Und so kam es, dass die kleinen Flieger im November des Jahres 2013 zu einer ihrer ersten großen Hilfsmissionen ausrückten. Das Zielgebiet damals: die Philippinen. Der Taifun Haiyan, einer der stärksten jemals gemessenen Wirbelstürme, machte allein in den Provinzen Leyte und Samar über vier Millionen Menschen obdachlos und dringend hilfsbedürftig. Internationale Rettungsteams waren schnell vor Ort, die Situation stellte sie jedoch vor zahlreiche Herausforderungen. Eines der größten Probleme war das unbekannte Terrain. Zwar existierten Karten und Aufzeichnungen, wegen der ungeheuren Kraft der Naturkatastrophe war die alte Infrastruktur in den besonders betroffenen Gebieten jedoch zerstört. Einige Organisationen hatten für diesen Fall glücklicherweise vorgesorgt und spezialisierte Drohnen im Gepäck. Die kleinen Fluggeräte lieferten sofort verwertbares Videomaterial, mit dem aktuelle Karten in zweidimensionaler und sogar dreidimensionaler Darstellung erstellt werden konnten. In der Folge erhielten die Helfer einen präzisen Überblick über die Situation vor Ort. Ein Umstand, der zu schnellen Hilfsmaßnahmen führte. Ein besonderer Vorteil war dabei, dass alle relevanten Informationen in einem Krisenzentrum gebündelt werden konnten, sodass eine effektive Koordination der Rettungseinsätze von dort aus möglich war. Die hochauflösenden Bilder erlaubten es sogar, einzelne Opfer ausfindig zu machen und ihnen gezielt Hilfe zukommen zu lassen. Es ist offensichtlich, dass zahlreiche Menschenleben auf diesem Weg gerettet werden konnten.

Große Hilfe zu einem kleinen Preis

Der Einsatz von Echtzeit-Luftbildern für humanitäre Hilfsaktionen wie auf den Philippinen ist nicht grundsätzlich neu – Hubschrauber werden für ähnliche Zwecke genutzt. Neu ist es jedoch, den Rettern ein einfach bedienbares und kostengünstiges Fluggerät zur Verfügung stellen zu können. Schon die Logistik der Einsatzplanung wird erheblich vereinfacht, wenn mehrere Aufklärungsdrohnen im Flugzeug direkt zum Einsatzort gebracht werden, anstatt Helikopter aus allen Landesteilen zusammen zu holen. Insbesondere können die Rettungshubschrauber dann ihre Kernaufgabe wahrnehmen: Menschen aus Notsituationen zu befreien. Die Luftaufklärung wird unterdessen von Mitarbeitern der Hilfsorganisation-en übernommen. Diese profitieren wiederum von den günstigen Anschaffungskosten der unbemannten Kleinstflugzeuge, die dank der weltweit hohen Nachfrage an privaten Videodrohnen weiter sinken dürften. Geld, das früher für einen Hubschrauber mit Besatzung aufgewendet werden musste, er-möglicht heute die Anschaffung zahlreicher Rettungsdrohnen. Nicht zuletzt sind die enorme Flexibilität und Variabilität der Fluggeräte zwei entscheidende Vorteile. Eine kompakt gebaute Kameradrohne be-wegt sich selbst im Gebirge, in zerstörten Städten oder in engen Straßenschluchten sicher und präzise.

Drohneneinsatz ohne Katastrophe: der Korridor von Malawi

Es muss nicht immer eine Überschwemmung, ein Erdbeben oder einen Hurrikan geben, um sinnvolle Drohneneinsätze zu gestalten. Ein Beispiel für eine langfristig angelegte humanitäre Hilfsmaßnahme ist der Drohnenkorridor von Malawi. Dort geht es um die Errichtung einer günstigen und flexiblen Infra-struktur, mit der private Betreiber und öffentliche Einrichtungen Menschen in abgelegenen Regionen versorgen möchten. Allein das Interesse von zwölf Organisationen und Unternehmen zeigt, dass dieses Projekt schon heute mehr ist als eine schöne Fiktion für die Zukunft. Konkretes Ziel des Vorhabens ist es, die Möglichkeiten von Drohneneinsätzen zu erforschen und dies gleich mit einem praktischen Nutz-en für die einheimische Bevölkerung zu verbinden. Daher sieht es am Himmel von Kasungu, dem Ort des Einsatzes, ein wenig aus wie in Cambridge, wo Amazon sein „Prime Air“ testet: immer wieder starten kleine Flugobjekte. Doch während die Transportdrohnen in den westlichen Ländern Pakete ausliefern, haben sie im südöstlichen Afrika Medikamente und Blutproben im Gepäck. Hier zeigt sich erneut, dass die zunächst auf ein ganz anderes Gebiet ausgelegte Forschung, Technologien hervorgebracht hat, die für Hilfsbedürftige einen großen Nutzen haben. Denn: ohne die Nachfrage nach Gepäck-Drohnen in Europa und den USA gäbe es keine kleinen Medizin-Flitzer in Afrika. Perspektivisch sollen die unbemannten Helfer noch sehr viel mehr können. Geplant ist zum Beispiel, die Fluggeräte mit Relaisstationen für das Funknetz auszustatten. So könnte ein provisorischer Handyempfang etabliert werden, wenn die dafür benötigte Infrastruktur zerstört worden ist. Einen besonderen Nutzen des Drohnenkorridors sieht Christopher Fabian, Innovationschef bei Unicef, für die jüngsten Bewohner der Region. So sammelten die unbemannten Flieger im Jahr 2016 Blutproben von Kindern aus schwer zugänglichen Dörfern und Siedlungen, die zur Analyse in ein Labor verbracht wurden. Im Fall einer Infektion waren die Ärzte zügig in der Lage, die entsprechende Arznei zurückzuschicken.

Flugkörper als Retter in der Not

Dass Drohnen nur im Fall schlechter oder zerstörter Straßen und Wege zum Einsatz kommen, ist ein Trugschluss. Selbst in Gebieten, die für Spaß und Erholung bekannt sind, können die Fluggeräte Leben retten. Gemeint sind die Badestrände in Spanien und Frankreich, die jährlich mehrere Millionen Touristen anlocken. Bei so vielen Besuchern passiert es leider immer wieder, dass sich Badegäste überschätzen oder im Wasser einen Schwächeanfall erleiden – ein klassischer Fall für die Rettungs-schwimmer. Parallel zum Menschen macht sich an einigen Stränden nun zusätzlich eine Drohne, selbstverständlich im klassischen Baywatch-Rot lackiert, auf, um zu helfen. Innerhalb weniger Sekunden ist der Flieger vor Ort und kann eine Rettungsweste abwerfen. Zudem ermöglicht die Video-funktion eine präzise Ortung der Opfer. Die Kamera übertrifft hierbei sogar das menschliche Auge. Mit einer Wärmebild-Funktion ausgestattet, entdeckt die Drohne Ertrinkende, die nicht mehr an der Wasseroberfläche sind.

Warum eignen sich unbemannte Flugzeuge so gut für Hilfsmissionen?

Einige wesentliche Vorteile von Drohnen wurden bereits genannt: sie sind günstig in der Anschaffung, flexibel einsetzbar und einfach zu bedienen. Hinzu kommt ein weiterer positiver Aspekt: wer eine Drohne aus sicherer Entfernung von einem Basislager aus steuert, bringt sich selbst nicht in Gefahr. Unbemannte Flugkörper können deshalb auch dort eingesetzt werden, wo die Umweltbedingungen das Entsenden menschlicher Helfer verbieten. Hier ist vor allem an menschengemachte Unfälle zu denken, bei denen Chemikalien oder radioaktive Stoffe freigesetzt werden. Zwar müsste die Technik den widrigen Bedingungen trotzen, das scheint jedoch im Notfall eher möglich, als Menschenleben zu riskieren. Selbstverständlich wünscht niemand Unfälle oder Katastrophen herbei, doch für den Fall der Fälle geben Drohnen eine gewisse beruhigende Sicherheit. Dies gilt nicht nur für die potentiell Betroffenen, sondern außerdem für Feuerwehrleute, Ärzte und alle anderen Einsatzkräfte, die sich auf die automatischen Helfer verlassen können.

Ein kleiner Flieger mit einer großen Botschaft: Hilfe ist unterwegs

Grundsätzlich nicht zu unterschätzen ist bei allen Drohneneinsätzen die psychologische Wirkung auf Menschen in Not. Resignation kann in vielen Katastrophenfällen zu einer großen Gefahr werden. Sobald Menschen in Seenot, in den Trümmern einer Erdbebenregion oder auf einer von Fluten umschlossenen Anhöhe jedoch eine Drohne erblicken, wissen sie: wir wurden nicht aufgegeben. Dieser psychologische Effekt kann noch einmal die Kraft freisetzen, durchzuhalten, bis die Retter eintreffen.

Eine andere, irgendwie kühn anmutende Idee, wird mit der Überschrift „Wenn der Defibrillator einschwebt“ tituliert. Dieser Artikel wurde am 14. Juni 2017 in dem Wissenschaftsmagazin ‚Spektrum‘ veröffentlicht. Dafür stationierte ein schwedisches Forscherteam eine Drohne, mit einem Defibrillator ausgerüstet, in einer zentral gelegenen Feuerwache. Testweise wurden in einem Umkreis von 10 Kilometern alle Orte angeflogen, an denen es in den vergangenen 8 Jahren zu Herzstillständen bei Menschen kam. Im Schnitt gelangte die Drohne nach 5 Minuten und 21 Sekunden an ihr Ziel, während der Krankenwagen 22 Minuten für dieselbe Strecke benötigte. Laut Aussage der Wissenschaftler ist es ihr Ziel, in 2 Jahren das System einsatzbereit zu haben.

Ersetzt die Drohne der Zukunft den Superhelden?

Die Unterstützung von Helfern nach Naturkatastrophen, humanitäre Hilfe in Afrika und die Rettung Ertrinkender sind nur drei Beispiele für die Möglichkeiten von unbemannten Drohnen für Menschen in Not. Viele weitere Einsatzgebiete sind denkbar, zum Beispiel bei der Bergrettung, nach Unfällen oder auf der Suche nach Vermissten. Ebenso könnten Menschen, die durch Naturkatastrophen oder Kampf-einsätzen von der Außenwelt abgeschnitten worden sind, mit Hilfsgütern versorgt werden. Die ersten Erfolge der neuen Technologie zeigen, dass solche Maßnahmen in Zukunft verstärkt umgesetzt werden können. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die technische Weiterentwicklung der unbemannten Flugzeuge. Schwierigkeiten bestehen zum Beispiel noch in Bezug auf die Reichweite und das Trans-portvermögen. Nahrungsmittel und Wasser sind so schwer, dass sie von den kleinen Geräten noch nicht in nennenswerter Menge befördert werden können. Die Ambitionen westlicher Onlinehändler bergen das Potential, hier Abhilfe zu schaffen. Wenn Bücher, Elektronikartikel und möglicherweise sogar Lebensmittel mit Drohnen vom Händler zum Kunden gelangen sollen, wären die technischen Lösungen für die humanitäre Hilfe sehr interessant. In Bezug auf die Reichweite werden Drohnen vermutlich von einer anderen Branche profitieren. Hersteller von Smartphones und Elektroautos investieren viele Forschungsgelder in die Entwicklung verbesserter Akkus und Batterien. Mehr gespeicherte Leistung würde für Drohnen einen größeren Einsatzradius bedeuten. In Malawi ist dieser aktuell beispielsweise auf 40 Kilometer beschränkt. In jedem Fall wird die private Nachfrage eine ent-scheidende Rolle spielen. Nur weil Drohnen als „Spielzeug“ so beliebt sind, ist der Einsatz für Hilfs-organisationen überhaupt bezahlbar. Für Menschen in Afrika, nach Wirbelstürmen oder sonstigen Unglücksereignissen ist zu hoffen, dass die Entwicklung so zügig voranschreitet, wie es in den vergangenen Jahren der Fall gewesen ist.

Thomas Vitali