Drohnen und Dienstleistung / Logistik Delivery

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Drohnen und Dienstleistung / Logistik Delivery

Alles Gute kommt von oben?

Eigentlich wäre der 7. Dezember 2016 in Cambridgeshire im Süden Englands ein grauer Wintertag gewesen wie jeder andere auch. Doch ein kleines Detail könnte dieses Datum einreihen in eine Gruppe mit dem August 1888 und dem Oktober 1861 – als Bertha Benz die erste Autofahrt unternahm und Philipp Reis das erste Telefon vorstellte. An diesem Tag nämlich lieferte Amazon die erste kommerzielle Sendung mit einer Drohne aus. Damit dürfte der Eintritt in ein neues Zeitalter der Zustelltechnologie gelungen sein. Ein Schritt, der nicht unkommentiert geblieben ist – zwischen frenetischem Jubel und apokalyptischer Endzeit-Prophezeiung waren viele Meinungen zu hören. Meinungen, die leider nur selten mit Argumenten unterfüttert waren. Was ist nun wirklich von ihr zu erwarten, der Drohnen-technologie der Zukunft?

Eine TV-Box und eine Tüte Popcorn

Bevor es gleich um Luftraumüberwachung, natürliche Barrieren und eine deutsche Nordseeinsel im Herbst gehen wird, noch einmal zurück zu den Anfängen. Was war in England an diesem 7. Dezember passiert und wie ist es dazu gekommen?
Die Entwicklung von Drohnen für den privaten und zivilen Gebrauch geht vor allem auf die Video-Fliegerei zurück. Die wendigen Geräte dienen dort dazu, Luftaufnahmen vom eigenen Haus, von einer beeindruckenden Naturlandschaft oder dem Urlaubsort zu machen. Ein ruhiger Stand in der Luft und die einfache Bedienbarkeit prädestinieren die Drohnen geradezu dafür. Logistik-Unternehmen sahen jedoch weit mehr als nur dieses „spielerische“ Element der Drohnennutzung. Die kompakten Flieger überqueren nahezu jedes Hindernis, sind schnell unterwegs, können mit einer intelligenten Programmierung sogar selbstständig ein Ziel anfliegen – und sie sind in der Lage, Pakete zu trans-portieren. Amazon gehörte weltweit zu den ersten Unternehmen, die diese Technologie deshalb für die Auslieferung nutzen wollten. Nach einer vergleichsweise kurzen und intensiven Entwicklungsphase wurde das „Prime Air“- Projekt in England getestet. Die erste Sendung enthielt eine TV-Box und eine Tüte Popcorn und landete sanft und unbeschadet im Garten des Kunden, der – wären nicht neugierige Kameras auf ihn gerichtet gewesen – sein Paket getrost im Schlafanzug hätte hereinholen können. Die Bestellung lag zu diesem Zeitpunkt nur 13 Minuten zurück, selbst im Vergleich zur Auslieferung am nächsten Morgen ist das eine enorme Ersparnis und zeigt bereits ein wesentliches Potential der Drohnenlogistik.

Warum sich Logistiker für Drohnen interessieren

Schnelle Auslieferungszeiten sind ein Vorteil von Drohnen, allerdings nicht der einzige. So fand der Flug in England über zwei Meilen, das sind etwa drei Kilometer, ohne Piloten statt. Das heißt in diesem Zusammenhang, dass auch am Boden kein Mensch in den Flug der autonomen Drohne eingreifen musste. Allein die Überwachung wurde selbstverständlich sichergestellt. Gerade vor dem Hintergrund immer weiter steigender Paketzahlen aus dem Versandhandel stellen die Fluggeräte eine große Hilfe für die Austräger dar. So ließen sich zum Beispiel Belastungsspitzen in der Vorweihnachtszeit durch drohnengestützte Zustellungen abfedern. Besonders interessant ist außerdem die hohe Flexibilität der Kleinflugzeug-Logistik. Solange Mitarbeiter im Verteilzentrum arbeiten – denn für die Beladung wird menschliche Hilfe benötigt – kann der fliegende Paketbote jederzeit starten. Das bedeutet, dass mindestens von morgens bis abends jederzeit eine Auslieferung möglich ist, zukünftig ist sogar ein 24-Stunden-Service denkbar. Dieser wäre für die Tüte Popcorn vielleicht unnötig, in einem anderen Bereich jedoch von großem Nutzen: eilige Medikamente fänden innerhalb weniger Minuten ihren Patienten. Zugegeben, flächendeckend ist diese Vorstellung noch ein Zukunftsmärchen. Ein zweites Beispiel für den Einsatz von Logistik-Drohnen zeigt jedoch, dass es keine Fiktion bleiben muss.

Juist, Herbst 2014

Wenn die Sommertouristen gegangen sind und der Herbst die Nordsee aufwühlt, sind reguläre Fähr- und Flugverbindungen zwischen dem Festland und den Inseln keine Selbstverständlichkeit. Früher war die Situation deshalb so: Während der Transitverkehr ruht, findet kein Warenaustausch statt. Ein Problem ist das vor allem für die Versorgung mit nicht alltäglichen Gütern, zum Beispiel Arzneimitteln. Diesen Missstand wollte der Logistikkonzern DHL beenden. So entstand in Zusammenarbeit mit der Gemeinde, der Luftsicherung und der RWTH Aachen ein, im doppelten Wortsinn, Pilotprojekt für die Insel Juist. An Tagen, an denen keine Fährverbindung bestand, sollte der „Paketkopter“ wichtige Lieferungen übernehmen. Eine Besonderheit war dabei, dass es auf der circa zwölf Kilometer langen Strecke zwischen Norddeich und Juist keinen Sichtkontakt zwischen der „Bodenbesatzung“ und der Drohne gab. Der Start, der Flug und die Landung erfolgten vollständig autonom. Dies gelang bei jedem der 40 Einsätze, die von der Drohne zwischen September und Dezember absolviert wurden. Zweimal konnte der autonome Flieger Bewohnern der Insel dabei in Notsituationen helfen. Das Projekt zeigt nicht nur, wie Drohnen sinnvoll in der Zustellung eingesetzt werden können, es lieferte auch wertvolle Informationen für die Weiterentwicklung der Technologie.

Wie sieht der Drohnentransport der Zukunft aus und fällt uns der Himmel irgendwann auf den Kopf?

Ist nun damit zu rechnen, dass in Zukunft alle Botengänge von Drohnen ausgeführt werden ? Wird damit der traditionelle Postbote sogar überflüssig ? Nein, die Fluggeräte werden ergänzende Aufgaben übernehmen. Das hat mehrere Gründe.

Das Transportgewicht

Die Drohnen von Amazon, DHL und weiteren Anbietern erreichen im Moment Traglasten von etwa zwei bis drei Kilogramm. Entsprechend können sie nur für Aufgaben eingesetzt werden, bei denen die Pakete dieses Gesamtgewicht nicht überschreiten. Für Medikamente, Blutproben oder kompakte Elektronik ist das kein Problem, der Flachbildfernseher wird hingegen nicht durch die Luft fliegen können. Insofern besteht auch keine Gefahr, dass riesige Maschinen abstürzen. Ohnehin ist die Flug-sicherheit der Drohnen sehr hoch. Ist der Ladestand des Akkus gering oder tritt ein anderes technisches Problem auf, landet der fliegende Transporter sofort auf intelligente Weise mit Sensoren, die die Umgebung nach Hindernissen abscannt.

Menschliche Stärken, technische Stärken

Was kann eine Drohne nicht? Sie spricht nicht und sie nimmt keine Unterschrift entgegen. Persönliche Lieferungen werden daher auch zukünftig grundsätzlich nur von Postboten verteilt. Daraus folgt aller-dings nicht, dass eine Zustellung per Drohne unsicher ist. Im Fall von Amazon wird eine spezielle Plattform im Garten der Kunden installiert. Die teure Lieferung landet daher garantiert beim richtigen Empfänger und nicht im Vorgarten des Nachbarn. DHL nutze auf Juist eine ähnliche Technologie, hier wurden alle Pakete gesammelt an einem Ort abgesetzt und von einem Mitarbeiter entgegen-genommen. Letzterer übernahm die endgültige Verteilung. Das führt direkt zu der Frage, warum der Bote die Päckchen nicht direkt in Norddeich abgeholt hat – er wollte weder schwimmen noch fliegen. Tatsächlich lässt sich die Aufgabenteilung zwischen Mensch und Flugmaschine kaum besser darstellen: die Drohne übernimmt den Transport über „natürliche Barrieren“, in diesem Fall das Meer, der Mensch nimmt die Lieferung entgegen und stellt die Pakete persönlich zu.

Die Verteillager

In der Regel übernehmen Drohnen nur die letzten Meter oder Kilometer (die so genannte „Last Mile“ oder letzte Meile) der Auslieferungsstrecke. Erstens ist die Reichweite nicht ausreichend, um eine Sendung von München nach Hamburg zu fliegen, zweitens wäre das ausgesprochen unrentabel, da ein Drohnenflug teuer ist. Nicht zuletzt müssten in diesem Fall tatsächlich tausende Drohnen durch die Luft fliegen. Das Prinzip der Drohnen-Logistik funktioniert anders. Die Waren werden zu dezentralen Lagern transportiert, von dort aus startet das Fluggerät zur Auslieferung. Hierbei tritt unweigerlich ein Problem auf, das aus der bisherigen Arbeitspraxis der Logistikunternehmen folgt. Üblicherweise werden die Waren an einem zentralen Ort gelagert und von dort aus versandt. Die Drohnen bräuchten aber Stationen in fast jeder Stadt. Ein unlösbarer Widerspruch? Nein, Lösungen sind längst gefunden. In Metropolen wie Berlin macht es Sinn, dezentrale Stationen einzurichten. Amazon nutzte für seine erste Drohnenlieferung eine ähnliche Strategie: dort handelte es sich um ein kostengünstiges Container-lager. In der Zukunft werden in großen Städten solche Möglichkeiten wohl zunehmend geschaffen werden. Die Erfahrungen der Versandhändler werden zeigen, welche Waren überhaupt auf diesem Weg nachgefragt werden, diese könnten selektiv dezentral vorrätig gehalten werden. Einen ganz anderen Lösungsansatz für ländliche Regionen, der auch bei anderen Anbietern erprobt wird, verfolgt UPS. Der amerikanische Zulieferer setzt Lieferwagen als Startrampe für Drohnen ein. Die Flieger übernehmen dort nur die letzten Meter vom Transporter bis zum Kunden. Der Fahrer oder die Fahrerin stellt in der gleichen Zeit ebenfalls Pakete zu – zum Beispiel diejenigen, die zu schwer sind oder persönlich übergeben werden müssen. Diese Idee nutzt schon heute die Vorteile von Drohnen in der Logistik raffiniert aus. Eine Lösung, die wahrscheinlich zunehmend eingesetzt wird.

Was sagen die Kritiker?

Die größten Kritikpunkte an der Drohnen-Logistik betreffen die angebliche Übernahme von Arbeits-plätzen durch Maschinen und eine mögliche Gefährdung des Luftraums. Zum ersten Aspekt wurde schon eingehend erläutert, dass hier keine Konkurrenz zwischen den Paketzustellern mit Flügeln und denen mit Beinen zu sehen ist – sondern eine Unterstützung des Menschen durch die Technik bei immer höheren Anforderung der Unternehmen an ihre Mitarbeiter. Das Problem der zunehmenden Gefährdung des Luftraums ist auf zwei wesentliche Gründe zurückzuführen, die behoben werden müssen. Noch immer gibt es keine eindeutigen Regelungen für Drohnen im Luftraum, auch wenn das Bundesverkehrsministerium mittlerweile reagiert und erste Vorschriften erlassen hat. Ab Oktober 2017 dürfen Drohnen ab zwei Kilogramm nur noch von Piloten mit nachgewiesener Kenntnis bedient werden – eine Vorgabe, die von aktiven Drohnenfliegern lange gefordert wurde. Bestärkt wird die Kritik außerdem immer wieder von Nachrichten, die Drohnenlogistik mit fragwürdigen Zielen in Zusammen-hang bringen. So machte vor einiger Zeit das Gerücht die Runde, Lieferdienste wollten ihre Pizza zukünftig mit autonomen Minihubschraubern ausliefern. Eine Idee, die allein aus finanziellen Gründen keine Zukunft hat. Namen wie DHL, UPS und Amazon zeigen, dass die Forschung an sinnvollen und zukunftsfähigen Drohnenprogrammen einen finanzstarken Investor benötigt. In Bezug auf die Flugsicherheit konnten mit den entsprechenden Geldern bereits Maßnahmen realisiert werden, die noch vor zehn Jahren unvorstellbar klangen. Dank 3D-Kamera werden Hindernisse von Drohnen selbst-ständig erkannt und umflogen, das Gerät ist zudem über einen GPS-Empfänger immer über den eigenen Standort informiert, sodass „Flugverbotszonen“ über Energieanlagen oder Flughäfen von der Software automatisch eingehalten werden. Durch den Fakt, dass die Drohne keine Aufnahmetechnik also Kamera an Board hat, kann sie auch Wohngebiete überfliegen ohne die Privatsphäre von Mit-bürgern zu verletzen.

Ein Blick in die Zukunft

Die ersten erfolgreichen Versuche belegen, dass Drohnen eine sinnvolle Unterstützung in der Logistikbranche sind. Die Trends aus der Entwicklung zeigen, in welche Richtung die Hilfe dabei gehen wird. Insbesondere die Zustellung von Medikamenten, Blutproben und leichten Waren wird eine Aufgabe sein, die zunehmend von Drohnen übernommen wird. Angesichts dieses Potentials ist jedoch die Politik gefordert, klare Rahmen für den Einsatz unbemannter Flieger zu schaffen. Schon das Sicherheitsbedürfnis der Kunden verlangt, dass alle Drohnen eindeutig gekennzeichnet werden. So kann der Missbrauch dieser Technik unterbunden werden, bevor er überhaupt angefangen hat. Es ist jedoch Eile geboten. Mit innovativen Herstellern und Nutzern gehört Deutschland im Moment zu den führenden Nationen, was die Nachfrage und den Einsatz von Drohnen betrifft. Ein Vorsprung, der nicht leichtfertig durch Trägheit in der Gesetzgebung aufgegeben werden sollte.

Thomas Vitali

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