Die Färöer Inseln – eine verwunschene Welt im Nordatlantik

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Die Färöer Inseln – eine verwunschene Welt im Nordatlantik

Wer tagsüber am Strand in der Sonne liegen und nachts die Clubs abklappern will, ist auf den Färöer Inseln falsch. Denn die Inselgruppe im Nordatlantik gilt als das bestgehütete Geheimnis Europas und ist ein Paradies für Individualtouristen, die ursprüngliche Natur erleben wollen.

 

Die Färöer Inseln erinnern an vieles, sind aber doch immer ganz sie selbst. Die spektakulären Steilküsten erinnern an Irland oder Schottland, die Schären und kleine rote Holzhäuser lassen an schwedische Sommernachtsträume denken, während es den Besucher auch nicht wundern würde, wenn Hobbits, Trolle oder andere Fabelwesen die grünen Täler bevölkern würden. Das Atoll im rauen Nordatlantik lädt zum Träumen ein und ist doch so echt und bodenständig wie nur noch wenige Orte auf dieser Welt.

Wo genau sind diese mysteriösen Inseln?

Die Färöer Inseln gehören zur dänischen Krone, sind aber eine autonome Inselgruppe zwischen Schottland, Island und Norwegen. Vor tausend Jahren siedelten sich hier die ersten Wikinger an und wer mit dem Schiff auf die Inseln zufährt, kann verstehen, wieso die rauen Nordmänner von Siedlungen geträumt haben, als sie das Fleckchen Erde entdeckt haben.

Wie ein Dreieck mit einer südlichen Spitze sind die Inseln im stürmischen Meer gruppiert. Durch Meerengen und Fjorde sind die Inseln gleichzeitig getrennt und verbunden und wirken, als hätten die nordischen Götter vor Urzeiten gigantische Steine aus Basalt ins Meer geworfen, um zu sehen, was die Menschen daraus machen. Die gesamte Fläche der achtzehn Inseln beträgt 1399 Quadratkilometer und die Küstenlinie mit 1289 Kilometern erlaubt von fast jeder Stelle aus einen Blick auf spektakulär anbrandende Wellen.

Schafsinseln wird das Atoll auch genannt und tatsächlich sind Schafe hier so allgegenwärtig wie in den endlosen Weiten Neuseelands. Da die dänische Krone die abgelegenen Inseln ausgezeichnet versorgt, ist die Infrastruktur überraschend gut. Ein Flug mit dem Hubschrauber von Insel zu Insel ist kaum teurer als ein Busticket, es gibt Zwergschulen mit wenigen Schülern, die dem Bildungsstandard auf dem Festland in nichts nachstehen und die Färöer fühlen sich als Dänen, bewahren aber ihre eigene Identität. Das spiegelt sich zum Beispiel darin wider, dass Dänisch und die färöische Sprache als Amtssprachen anerkannt sind, ebenso kann man mit dänischen und färöischen Kronen zahlen.

Einzigartige Natur nicht nur sehen, sondern unmittelbar fühlen

Das Meer ist auf dem Atoll überall und jederzeit spürbar. Die Luft berauscht jeden, der sich die Zeit nimmt, tief durchzuatmen und in die unendliche Weite zu blicken. Oft genug kann man beobachten, wie die Wolken die zerklüfteten Gipfel umarmen. In diesen Momenten scheinen Himmel und Meer ineinanderzufließen und oft genug verschwimmen auch für das Auge die Grenzen, wenn plötzlich Nebelbänke herabsinken und wie ein feiner Sprühnebel die Haut benetzen. Das Wetter in diesem Teil der Welt ist wie das Meer selbst – immer in Bewegung. Wer vierzehn Tage Sonne und seicht plätschernde Wellen erwartet, sollte lieber in die Karibik fliegen.

Die Färöer Inseln versprechen dagegen alle Extreme an einem Tag, von strahlender Sonne bis zu Regengüssen, die unvorbereitete Urlauber bis auf die Haut durchnässen. Es lohnt also, sich dem »Look« der Einheimischen anzupassen – praktische Regenkleidung und »Zwiebel-Look« in verschiedenen Schichten sind das beste Outfit, um die Inseln zu erkunden.

Die Landschaft ist geprägt von sattem Grün. Bäume sind allerdings kaum vorhanden, dafür sind der Wind, das Klima und die Böden zu rau und karg. Trotzdem ist die Landschaft immer atemberaubend und wird nie langweilig. Wilde Berge und sanfte Täler mit urigen Dörfern wechseln sich ab mit romantischen Wasserfällen, die von den Klippen direkt ins Meer stürzen. Wer gern seine Fantasie spielen lässt, kann in den zerrissenen Kuppen der Berge und den allgegenwärtigen, tief hängenden Wolken wilde Krieger auf Raubzügen und magische Fabelwesen beim Tanzen beobachten.

Durchbrochen wird das Bild auch immer wieder von niedrigen Natursteinmauern, Bächen und kleinen Seen und von Hütten mit Grasdächern, die sich in die Landschaft schmiegen, als wären sie immer schon dagewesen. Moose begrünen die Inseln, wo immer sie auf den kargen Felsen heimisch werden konnten und das Blöken der Schafe, die als »Rasenmäher« die Inseln in Ordnung halten, wird vom Wind durch die frische Seeluft getragen. Die Nationalblume der Inseln ist die gelb leuchtende Sumpfdotterblume, die im Sommer mit vielen anderen Wildblumen die Wiesen mit bunten Farbtupfern sprenkelt.

Es gibt wohl nicht mehr viele Orte auf dieser Welt, wo man so die Zeit vergessen und den Lebensrhythmus der Natur wieder hautnah spüren kann. Wer hier wandern geht, kommt ganz bei sich selbst an und spürt bald, wie das hektische Leben in seiner Heimatstadt von ihm abfällt. Wenn man sich ins weiche Moos setzt, den faszinierenden Ausblick genießt und die Gedanken einfach schweifen lässt, bis man nicht mal mehr weiß, welcher Wochentag eigentlich ist, ist man auf den Färöer Inseln angekommen.

Kultur, Leben und die Hotspots der Inseln

Das gesamte Archipel ist in sechs Regionen unterteilt, die alle ihren eigenen Charme haben. Es lohnt sich also, Zeit einzuplanen, um die verschiedenen Eindrücke und Stimmungen auf sich wirken zu lassen. Fest steht, dass die allgegenwärtige Natur und das Erbe der Wikinger die Kultur stark beeinflusst. Kunst und Kultur gehören zum Leben der Menschen ganz selbstverständlich dazu.

Die Färöer sind ein kulturell sehr interessiertes Volk und da sie mit insgesamt 48.000 Einwohnern ein ganzes Staatswesen abdecken müssen, halten sie es für vollkommen normal, dass viele Bürger zwei oder drei Funktionen bekleiden. So sind viele Inselbewohner neben ihren anderen Berufen auch freie Kulturschaffende, eine Trennung von Künstlern im Elfenbeinturm und dem wahren Leben gibt es nicht. Kunst wird also jederzeit geschätzt, unabhängig davon, ob sie »professionell« ist.

Das Zentrum der Inselkultur ist gleichzeitig die Hauptstadt. In der Stadt Tórshavn auf der größten Insel Streymoy ist das »Haus des Nordens« der wichtigste Veranstaltungsort. Hier finden viele kulturelle Veranstaltungen statt, die auch immer dem Austausch mit anderen – meist skandinavischen – Kulturen dienen. Ebenfalls ins Tórshavn sind die Nationalgalerie, das Landestheater, ein Kunstmuseum und eine Musikschule.

Ein Besuch der zahlreichen Veranstaltungen lohnt sich besonders, wenn man die Ursprünglichkeit der Region erleben möchte, denn globaler Kitsch für Touristen ist den Färöern fremd. Da fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung sich in der kulturell so lebendigen Hauptstadt tummelt, ist das Angebot an Konzerten, Ausstellungen mit bildender Kunst, literarischen Lesungen und folkloristischen Veranstaltungen, bei denen auch klassische Balladen lebendig vorgetragen werden, so vielfältig, das wirklich für jeden etwas dabei ist.

Auf der Insel Streymoy lohnt sich auch ein Abstecher zum südlichen Ende – denn hier gibt es ein auf seine Art wohl einzigartiges Bauwerk zu bewundern. In der malerischen Ortschaft Kirkjubøur steht die Magnus Kathedrale, die allerdings mit anderen weltberühmten Kathedralen nicht viel gemeinsam hat. Denn diese Kathedrale wurde – im Gegensatz zum Kölner Dom – nach einem Baustopp nie fertiggestellt. Man sieht dem Prachtbau aus dem Jahr 1300 an, wie das Projekt gemeint war, aber ganz offensichtlich hatte der damalige Bauherr sich übernommen und wird heute allgemein als größenwahnsinnig eingeschätzt. Trotzdem verlangt dieses Zeugnis einer großen Vision seinen Besuchern wahren Respekt ab.

Skurrile Insulaner und liebenswerte Geschichten entdecken

Wer die Färöer Inseln besucht, sollte sich den regen Austausch mit den Einheimischen auf keinen Fall entgehen lassen, denn die Insulaner näher kennenzulernen, ist – wie auf jeder Insel – ein echtes Erlebnis. Manches haben die Färöer sogar mit den Deutschen gemeinsam, denn sie lieben Autos und Fußball. Die Färöer sind der Meinung, dass ein Auto immer noch der beste Regenmantel ist und jede Insel hat selbstverständlich ihre eigene Fußballmannschaft.

Die Einheimischen sind bodenständig und weltoffen zugleich. Ihre Kinder helfen auf den Höfen mit wie vor hunderten von Jahren und nehmen dann, wenn sie vom Schafe hüten kommen, Geigenstunden via Internet. Kultur, Moderne und Mittelalter sind hier einfach kein Widerspruch, sondern das wahre Leben. Das Essen ist so wie das Leben, geprägt vom Meer und vom Fischfang, machen die Spezialitäten satt, sind reichhaltig und frisch und halten lange vor. Und das ist auch gut so, denn wer die Färöer Inseln entdeckt, den zieht es immer nach draußen, um sich zu bewegen und die Natur zu erkunden.

Echte Familienmenschen sind die Färöer, das berichten auch die Grabsteine auf den liebevoll gepflegten Friedhöfen, die an die grünen Friedhöfe der Kelten erinnern und auf den Grabsteinen lassen sich die Geschichten ganzer Generationen ablesen. Wer hier lebt, weiß auch, wo er bei seiner Familie liegen wird, wenn er stirbt.

Diese Verbundenheit prägt die Färöer, denn Familie und Natur sind für sie das Wichtigste und gehören zusammen. Viele junge Menschen verlassen die Inseln, um zu studieren, in Dänemark, England oder im Rest der Welt zu arbeiten, kehren aber irgendwann von Heimweh getrieben wieder zurück. Vielleicht ist dies das Geheimnis, wieso diese speziellen Insulaner als die Menschen mit dem höchsten Glücksfaktor Europas gelten – mehr als ihre Familie, die Ruhe und den Blick auf ihre atemberaubenden Küsten scheinen sie nicht zu brauchen.

Fazit

Die abgelegene Welt mitten im einsamen Nordatlantik ist kein Ziel für Massentourismus und Cluburlaub. Vielmehr gilt es, die Vielfalt einer fast versunkenen Welt zu entdecken, die ihren ganz eigenen Charakter hat. Lebendiges kulturelles Leben, eine weltoffene Internet-Generation und mittelalterlich anmutende Dörfer, in denen Einheimische leben wie ihre Vorfahren, verbinden die Inseln genau so, wie die Brücken, Tunnel und Fähren.

Wer die Inseln als Wanderer erkunden will, wird den autobegeisterten Färöern zwar ein wenig verrückt erscheinen, kann aber genauso viel entdecken wie Reisende, die Rundtouren buchen oder sich mit dem Wohnmobil auf den Weg machen, um das Atoll auf eigene Faust zu erkunden.

Unterkünfte gibt es von edlen Hotels in der Hauptstadt bis hin zu privaten Ferienwohnungen in der Abgeschiedenheit der Natur. Wandern, Klettern, Motorradtouren, Essen in angesagten Restaurants und reges Nachtleben in den Bars sind genauso möglich wie Bootstouren zu den Vogelinseln. Ein besonderer Höhepunkt des Jahres ist die Mittsommernacht, in der zahlreiche Menschen auf den Berg Sornfelli strömen, um das Naturschauspiel zu erleben. Die Färöer Inseln bieten eben unvergessliche Erlebnisse.

 

By Thomas Vitali

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